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Porsche in Weissach

Porsche in Weissach
Was den USA ihr Goldreserven-Lager in Fort Knox, Kentucky ist, stellt für Porsche die Denk- und Innovations-Schatzkammer, das Forschungs- und Entwicklungs-Zentrum in Weissach, dar. Unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen lagert hier das Porsche-Hirnschmalz, und unter strengster Geheimhaltung entstehen dort seit Jahrzehnten geniale technische Lösungen.
Informationen oder gar Einblicke in das Schaffen des Forschungs- und Entwicklungszentrums Weissach, kurz EZW genannt, zu erhalten, ist ungefähr so schwierig, wie auch nur an ein Gramm der in Fort Knox gelagerten 4.580 Tonnen Gold zu geraten. Abgeschirmt und bewacht, wie es sich für einen Hochsicherheitstrakt geziemt, an kritischen Stellen des umliegenden Geländes mitunter zusätzlich von Wachmännern verstärkt, die sich in ihren schwarzen Cayennes auf kleinen Waldwegen gut versteckt haben. Und selbst gegen „Spionage-Angriffe“ aus der Luft ist das EZW gewappnet, denn sämtliche Prototypen, die sich im Freien befinden, sind immer – oder sagen wir fast immer – mit schwarzen Planen vor luftbildnerischem Treiben geschützt. Stoff für einen packenden Agententhriller gäbe das EZW also allemal her.

Skid-Pad und CanAm-Kurs

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Doch was heute mit Fug und Recht als die 3000 Mitarbeiter starke Denkfabrik für technische Innovationen schlechthin bezeichnet werden darf, begann vor 50 Jahren auf fast schon romantische Weise. Am 16. Oktober 1961 hat Ferry Porsche dort mit einer Planierraupe den ersten Spatenstich vorgenommen, und zehn Jahre später erfolgte der Umzug des Entwicklungsbereichs. Auf der Suche nach einem geeigneten Gelände lehnte Ferry Porsche die Betonierung fruchtbarer Felder kategorisch ab, so dass Porsche-Mechaniker und –Rennfahrer Herbert Linge das Umland seiner Heimatgemeinde vorschlug. „Dort wächst nichts außer Schlehen“, versicherte Linge, und Ferry Porsche war überzeugt.

Zunächst entstand eine Kreisbahn für Fahrversuche – das sogenannte „Skid-Pad“. Mit 200 Metern Durchmesser und 0,5 Prozent Neigung lieferte sie erste aufschlussreiche Daten hinsichtlich Fahrverhalten und Querbeschleunigung. Doch dabei konnte und sollte
es nicht bleiben – die Weissacher Ingenieure verlangten nach weiteren Testmöglichkeiten. Von 1967 bis 1970 entstanden rund um das „Skid-Pad“ daher zwei Rundstrecken mit unterschiedlichen Anforderungen: der schnelle „CanAm“-Kurs mit 2,53 Kilometer Länge und der 2,88 Kilometer lange Bergkurs, der mit Steigungen, Gefällen und Kurven. Hinzu kamen weitere Spezialstrecken, wie Schlagloch- und Grobpflasterstrecken oder Wasserdurchfahrten, um den Testwagen alles abzuverlangen. Die Vergrößerung von Porsche Weissach in dieser Zeit schloss 1968 auch den Erwerb eines angrenzenden Waldbereichs ein, der bis heute als Sichtschutz dient und das EZW vor den eingangs erwähnten allzu neugierigen Blicken abschirmt. Immerhin hatte James Bond (Sean Connery) drei Jahre zuvor Auric Goldfingers (Gert Fröbe) Anschlag auf Fort Knox buchstäblich in letzter Sekunde verhindern können – und zu Vergleichbarem sollte es in Weissach ja bitte sehr nicht kommen.

Das Gehirn als Orga-Vorbild

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Ferdinand Piëch, damals Entwicklungschef bei Porsche, realisierte Werkstätten und Versuchsanlagen für 360 Mitarbeiter, um fortan sämtliche Teile für die Prototypen in Eigenregie fertigen zu können. Das allererste, dreigeschossige Gebäude „Bau 1“ beherbergte Gießerei, Härterei, Schmiede, Holz- und Modellbearbeitung, Lager und Prüfstände. Zusätzlich entstand darunter ein Schlittenprüfstand, der erste Crashtests wie Auffahrunfälle und Frontalkollisionen abbilden konnte. Die dort ebenfalls integrierte Prototypenwerkstatt machte schließlich die Idee deutlich, die sich hinter dem EZW verbarg: ähnlich wie beim menschlichen Gehirn ein vernetzter Verbund aus vielen kleinen Denkfabriken mit kurzen Verbindungswegen und entsprechend hohen Reaktions- und Entwicklungsgeschwindigkeiten mit der Prototypen-Werkstatt als zentralem Punkt, wo alles zusammenlief.

Ausbau in den 70er- und 80er-Jahren

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Bereits 1973 erfuhr Porsche Weissach die nächste große Erweiterung in Form von Bürogebäuden, und 1974 entstand ein Bau in hexagonaler Form, der optimale Arbeits- und Kommunikationsmöglichkeiten für die verschiedenen Bereiche garantieren sollte. Die verschiedenen Abteilungen sollten gewissermaßen ineinanderlaufen, ihre Ideen an einem Ort bündeln und koordinieren. Mit seinen beiden Anbauten aus den Jahren 1984 und 1992 sowie dem Styling-Büro bietet das Hexagon – im Weissacher Chargon kurz der Sechskant genannt - rund 7.000 m² Büro- und Studiofläche.

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Doch in der Folge stand die Erweiterung alles andere als still. Die Entwicklungen für Fremdkunden nahmen nämlich derart vielfältige Formen an, dass die bestehenden Ressourcen den Ansturm kaum mehr bewältigen konnten. Längst hatte das EZW sich einen Weltruf erarbeitet, und wer auf höchste Entwicklungskompetenz setzen wollte und Kraft finanzieller Mittel auch konnte, ließ in Weissach forschen und konstruieren. So erfuhren die drei wichtigsten Entwicklungsbereiche in den 80er-Jahren eine umfassende Neuauslegung: 1982 das Messzentrum für Umwelttechnik (MZU), 1983 das Prüfgebäude für Motoren und Aggregate (PMA), und 1986 das Messzentrum für Aerodynamik (MZA) mit dem seinerzeit leistungsstärksten Windkanal in der Geschichte des Automobilbaus.

Hightech in allen Bereichen

Auf den Prüfständen des Messzentrums für Umwelttechnik konnten die Weissacher Ingenieure fortan USA-City-, Highway-, Europa- und Japan-Tests simulieren, um Fahrzeugemissionsdaten für die jeweiligen Spezifikationen darzustellen. Zusätzlich konnte das Abgas- und Verbrauchsverhalten in einer Klima-/Druckkammer unter einem breiten Klima- und Höhenspektrum dargestellt werden. Mit einem Gesamtkostenaufwand von 37 Millionen DM entstanden im Prüfgebäude für Motoren und Aggregate Allrad-, Kupplungs-, Attrappen- und Getriebeprüfstände, sechs Motorleerlaufprüfstände, zwei Prüfstände für die Vollmotorenentwicklung, ein komplett ausgestattetes Strömungslabor zur Untersuchung von Motor- und anderen Fahrzeugkomponenten sowie eine Schallmesszelle mit schalltotem Raum. Schließlich umfasste das Messzentrum für Aerodynamik (MZA) einen Windkanal nebst Modellwindkanal, welche die Bereiche Forschung, Styling und Entwicklung bei neuen Prototypen, Serienfahrzeugen und Kundenentwicklungen unterstützen sollten. Hierbei wurden die Fahrzeuge auf einer Sechskomponenten-Präzisionswaage montiert, um die Krafteinleitungen genauestens zu erfassen. Auf dieser, als drehbarer Teller ausgelegten Waage konnte ein Fahrzeug nach Belieben bis zur maximalen Windgeschwindigkeit von 220 km/h ausgerichtet werden, was neue und noch exaktere Erkenntnisse im Bereich der Aerodynamik lieferte.

Aerodynamik-Support für Sportler

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Insbesondere die Aerodynamik-Kompetenz hatte sich weltweit schnell herumgesprochen, und so wurde der Windkanal von höchst unterschiedlichen Kunden frequentiert. Etwa auch von deutschen Spitzensportlern wie Georg Hackl, der „Hackl-Schorsch“, dessen Rennrodel hier seinen Feinschliff erhielt oder auch die deutsche Rennrad-Nationalmannschaft, die ihre Zweiräder in Weissach hinsichtlich der Strömungsgunst perfektionierte. Und selbst Gegenstände wie Campingzelte und Fußbälle fanden den Weg in den Weissacher Windkanal.

Mit dem Bau einer Crashtest-Anlage kam 1986 ein weiterer und aufgrund der ständig wachsenden Sicherheitsansprüche extrem wichtiger Bereich hinzu. Während man in den 1960er-Jahren im Stammwerk Zuffenhausen noch die Schwerkraft für erste Crash-Versuche nutzte, die Testfahrzeuge an einem Kran 15 Meter hoch in die Luft zog und dann fallen ließ, rollten die Versuchswagen in Weissach – immerhin schon von einer Schiene geführt - eine Freiluft-Gefällestrecke hinab, bis sie schließlich auf einen Betonklotz trafen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis eine neue Crashtest-Anlage gebaut werden musste, die insbesondere wetterunabhängige Testbedingungen und höhere Aussagekraft bot.

Die Motorsport-Manufaktur

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Doch Porsche Weissach bedeutet seit den frühen 1970er-Jahren auch und gerade Motorsport. Was mit einem Paukenschlag wie der Entwicklung des 917/30 noch unter vergleichsweise rudimentären begann, findet seit 2007 in einem supermodernen Komplex mit stattlichen 12.000 Quadratmetern Nutzfläche statt. Hier wird entwickelt, erprobt, aber auch produziert. Ganz im Stile einer klassischen Manufaktur-Fertigung entstehen hier von Hand die legendären Porsche-Rennfahrzeuge. Letztes Highlight war dabei zweifelsohne der LMP2-Renner RS Spyder, der vier Jahre lang die Szene dominierte, und während der Produktionsphase vor der Saison wird jeden Tag ein Fahrzeug der Typen 911 GT3 RSR oder 911 GT3 R fertiggestellt. Besonderer Bedeutung beim Aufbau und dem Betrieb der Rennfahrzeuge kommt dabei auch dem prozessoptimierten Logistik-Lager zu. Dort ist alles verfügbar, und hier erhalten auch die Kunden alles, was sie für ihre Rennautos benötigen. Mehr als 35.000 unterschiedliche Teilepositionen – mehr als 4,5 Millionen Stück - vom Staubschutzdeckel bis zum Getriebe, lagern hier, und im Terminal stehen sieben Renntrucks für die Einsätze an den Rennstrecken dieser Welt bereit. Und im Karossenlager sind zusätzlich 32 911-Rohkarossen untergebracht. Jahr für Jahr werden im Motorsportzentrum zudem mehr als 500 Fahrzeug-Vermessungen vorgenommen und über 800 Rennmotoren neu aufgebaut oder revidiert.

Dass das EZW noch lange nicht am Ende ist, dafür sorgte im November 2010 der Vorstand der Porsche AG, als er einen strategischen Standortplan für Weissach verabschiedete. Mit einem Volumen von gewaltigen 150 Millionen Euro wird bis 2013 in den Bau eines neuen Windkanals, eines Design-Zentrums sowie eines Elektronik-Zentrums investiert, um den Führungsanspruch auch in diesen Bereichen nicht nur zu behaupten, sondern weiter auszubauen. „Die derzeitigen Großbaustellen rund um das EZW wären gegenwärtig gleichzeitig unsere größten Sicherheitslücken“, erklärte ein hochrangiger EZW-Mitarbeiter dazu. „Spätestens wenn uns im Innenbereich jemand mit schlammverschmiertem Schuhwerk auffällt, schrillen unsere Alarmglocken und der Werksschutz schlägt zu.“ Welche Früchte die Arbeit der mehr als 3000 Mitarbeiter des EZW in der Zukunft noch tragen wird, werden wir wie so oft erst dann erfahren, wenn die Entwicklungsarbeit längst erledigt ist und selbst die Fahrzeuge der Baustufe 1 bereits eingemottet sind. Sicher ist aber, dass wir als Porsche-Fans noch eine reiche Fülle fantastischer Schöpfungen Marke „Porsche Weissach“ erwarten dürfen. Sozusagen viele, technisch immer wieder begeisternde Grüße aus Fort Knox.